Britta Madeleine Woitschig
Die Mauern in den Köpfen niederreissen, um Zukunften zu gestalten!
Über den eigenen Körper, dessen Wahrnehmung und zwischenmenschliche Beziehungen
Vor einigen Jahren gab es im damaligen NDR3 eine Talkshow, die von Johannes Groß moderiert wurde, der sich drei JournalistInnen als GästInnen einlud, um zum Schluß doch nur wieder das Selbstverständliche zu bestätigen. Ein Konzept, bei dem ich mich betrogen fühlte: Ich vermisste, was Literaturclown Marcel Reich-Ranicki in seinem traditionellen Zitat vor dem Abspann dem Publikum als offene Fragen schenkt, die zurückbleiben, wenn sich der Vorhang schließt. Mit vergleichbarer Offenheit setze ich mich hier mit dem Geschlechterverhältnis auseinander: Ich werde in Frage stellen, was als selbstverständlich gilt, ohne den entstandenen Freiraum mit dem absurden Anspruch, „die Wahrheit“ oder „den rechten Weg“ gefunden zu haben, wieder zu ersticken. Deshalb verzichte ich auf Antworten, die im Dialog der Menschen gefunden werden müssen: in einer gesellschaftlichen Debatte, von Mensch zu Mensch.
Gibt es Frauen? Gibt es Männer?
SexualwissenschaftlerInnen (auch die, die hier in Kiel lehren und praktizieren) definieren Geschlecht als „biologische Gewissheit“, was ich für plumpe Ideologie halte, die die wahren Machtverhältnisse verschleiert, verdeckt, verdunkelt. Wie komme ich zu diesem Schluss? Berechtigte Frage, füllen wir doch tagein, tagaus Formulare aus, in denen wir Kästchen ankreuzen müssen, ob wir hierzu oder dazu gehören. Es gibt nur ein Entweder-Oder; der Gedanke, dass mensch außerhalb dieser Schubladen leben kann – womöglich noch glücklich! welch ein Frevel! –, wird aus dem Alltag verbannt. Diese Menschen sind weder sichtbar noch haben sie Worte, sich zu artikulieren: Sie sind zum Schweigen verdammt, sie werden offiziell totgeschwiegen. Denn die SexualwissenschaftlerInnen beanspruchen ein Monopol, indem sie eine beleidigende Sprache prägen, einen rechtsfreien Raum errichten, sich systematisch von der übrigen Bevölkerung abschotten und ihre „PatientInnen“ strategisch missbrauchen statt ihnen zu helfen. Es genügt, andere nur auf ihre Rechte hinzuweisen, um von ihnen als kriminell verleumdet zu werden: das übliche Verhalten, den Selbsthilfebereich mundtot zu machen und ihn pauschal zu kriminalisieren.
Zwei Begriffe prägen in einer Teile-und-Herrsche-Politik (Leslie Feinberg) jenen Bereich zwischen „Frau“ und „Mann“: „Intersexualität“ und „Transsexualität“. Angeblich weichen solche Menschen von der Ordnung der Natur ab, was pauschal als „Fehler der Natur“ oder als „Persönlichkeitsstörung“ dargestellt wird.
Die sog. Intersexuellen sind Menschen, deren Genitalien sich nicht eindeutig bestimmen lassen; d. h. deren Klitoris z. B. größer als 4 mm ist oder deren Penis nicht den Anatomiebüchern entspricht. Das kann genetische oder hormonelle Gründe haben, entsprechend breit ist das Raster der sog. intersexuellen Syndrome. Unter dem Vorwand, spätere Diskriminierungen durch MitschülerInnen bzw. andere Menschen zu unterbinden, wird hier wenige Wochen nach der Geburt psychochirurgisch mit fremdem Leben experimentiert. Ständige Untersuchungen und Operationen, Krankenhausaufenthalte – teilweise bis zum 17. Lebensjahr –, aufgezwungene Hormonbehandlungen und ein vernarbtes Genitale bilden so das Fundament körperlicher Erfahrung. Der Erfolg? 80 % unternehmen mindestens einen Selbstmordversuch, ein Viertel der Versuche führt zum Tod (lt. Arbeitsgemeinschaft gegen Gewalt in der Pädiatrie und Gynäkologie, Bremen – eine Intersexuellen-Selbsthilfeorganisation). Eltern werden so lange fehlinformiert und manipuliert, bis sie willig sind. Jede Art der Verweigerung der Eltern oder des Kindes werden als Schuld der Eltern dargestellt, bzw. das Kind als „blöd“ (medizinische Diagnose) bezeichnet. Eine Praxis, die meiner Meinung nach das eigentliche Wesen der Natur verkennt, stattdessen wird sie in einem unseriösen Umkehrschluss nach den Ordnungsmaßstäben der „Frauen- und Männermacher“ zurechtgebogen. Doch wo gibt es in der Natur schon klare Grenzen? Es gibt das Land, und es gibt das Meer, doch das Watt (übrigens ein von vielfältigen Lebensformen bewohntes, fruchtbares Biotop), ist das ein Irrtum der Natur?
Die angebliche Hilfe für die sog. Transsexuellen besteht in einem Spielen auf Zeit, das nach Belieben – je länger, je lieber (es sind Fälle von bis zu 14 Jahren bekannt) – ausgedehnt wird und ein „Austesten der Selbstmordschwelle“ einschließen kann. Im Neuspech der sog. Gutachten, dem Okay der FremdentscheiderInnen, taucht in schöner Regelmäßigkeit der Textbaustein „hohe Frustrationstoleranz“ auf. Was den sog. Intersexuellen aufgedrängt wird, wird den sog. Transsexuellen verweigert. Um auf Wissenschaftlichkeit pochen zu können, behaupten die FremdentscheiderInnen, sachlich zu sein. Menschen in dieser Situation, die die GutachterInnen als erotische Partner anerkennen und nach dem medizinisch-juristischen Verfahren möglichst eine heterosexuelle Partnerschaft (am besten Ehe) eingehen, haben gute Chancen. Aber wovor haben schwule transsexuelle Männer (in der Mediziner-Terminologie: sog. Frau-zu-Mann-Transsexuelle, die Männer lieben) dann Angst? Warum werden lesbische transsexuelle Frauen (sog. Mann-zu-Frau-Transsexuelle, die Frauen lieben) pauschal als unsichere Kandidaten (zu Operationen) eingestuft? Weil hier Menschen sind, die eine heterosexuelle Fassade aufbauen könnten (und die dies teilweise vergeblich versucht haben, um sich anzupassen), aber eine lesbische bzw. schwule Lebensform als einzig mögliche für sich selbst erkennen? Können die übrigens meist heterosexuellen Männer (es gibt nur wenige Frauen) nicht verkraften, dass ihr Weltbild, das doch alle selig machen soll, nicht nur nicht akzeptiert sondern für das eigene Leben bewusst abgelehnt wird? Ist das nicht eine Quelle für Fehlentscheidungen? Als Fehlentscheidung fließt allerdings nur in die Literatur, wenn mensch gegen das Veto der FremdentscheiderInnen Hormone nimmt und sich operieren lässt. Um Rückkehrwünsche (ein Märchen? ein Bluff?), die von den MedizinerInnen mythisch aufgebauscht werden, und Selbstmorde nach medizinischen Eingriffen angeblich zu verhindern, wird hier exzessiv Druck auf Menschen ausgeübt, die Beistand suchen und Solidarität brauchen.
Zum Sprachgebrauch: Den Begriff „homosexuell“ vermeide ich hier bewußt. Etymologisch kommt der Begriff „homo-“ aus dem Griechischen und läßt sich als „gleich“ übersetzen, die Vorsilbe wird aber liebend gern falsch übersetzt: nämlich durch das lateinische „homo-“, also „Mann“. Dieses tief verankerte Mißverständnis bezieht die sog. Homosexualität nur auf die „Männerliebe“, die weibliche Variante wird verdrängt und totgeschwiegen. Außerdem bezieht sich diese Klassifikation nur auf die Genitalien, einen Teil des menschlichen Körpers, alles Übrige wird ausgeblendet. Weite Bereiche menschlicher Persönlichkeit werden ausgespart, während wenige Quadratzentimeter extrem sexualisiert werden. Ist die Haut etwa nicht erotisch? Was ist mit den Augen? den Händen? Es gibt also zahlreiche Teile des Körpers, die beide PartnerInnen haben: also ist jede Beziehung irgendwie homosexuell. Aber jeder Mensch sollte als Individuum respektiert werden, von dem es keine Kopie gibt: also ist jede Beziehung irgendwie heterosexuell. Diese Unterscheidung ist beliebig und enthält keine wissenschaftliche Aussage, nur eine ideologische Wertung, dass irgendjemand die Gemeinsamkeiten kleinreden und die Unterschiede aufbauschen will. Grenzen, um ausgrenzen: Der Anspruch wird zum totalitären Diktat, „Heterosexualität“ wird zum homophoben Heterosexismus. Martine Rothblatt nennt dieses sexistische Verhalten analog zur Rassismuspolitik des Prä-Mandela-Südafrika die Apartheid des Sex, und nicht nur die Theoretikerin Judith Butler ergreift deswegen das Unbehagen der Geschlechter.
Wozu Gutachten?
In den hochnotpeinlichen medizinischen Verfahren, die die sog. Intersexuellen und die sog. Transsexuellen über sich ergehen lassen müssen, ersetzt eine subjektive Sicht eine andere subjektive Sicht. So wird Fremdbestimmung produziert, angeblich „im Interesse der PatientInnen“. Das ähnelt doch sehr der Kaffeesatzleserei, oder? Ich jedenfalls kann nicht in die Zukunft sehen, nicht in meine eigene und erst recht nicht in die anderer Menschen. Nach meinem Informationsstand liegt diese Fähigkeit außerhalb der menschlichen Wahrnehmung. Trotzdem maßen sich FremdentscheiderInnen diese Arroganz an.
Dafür gibt es juristische Grundlagen: § 47 des Personenstandsgesetzes für sog. Intersexuelle, das Transsexuellengesetz von 1980 für die sog. Transsexuellen. Mit der Praxis, Gutachten für juristische oder medizinische Belange (Krankenkassen verlangen ebenfalls Gutachten und orientieren sich dabei am rechtlichen Verfahren), wird so ein rechtsfreier Raum geschaffen. In der Regel sind die „PatientInnen“ („patience“ = Geduld) den FremdentscheiderInnen ohne ZeugInnen, ohne die Grundlage eines Rechtsschutzes gegen Übergriffe in einem Verfahren ausgeliefert, das von den Betroffenen als Vergewaltigung und Folter ohne erkennbaren Nutzen für sich selbst empfunden wird. Jeder Versuch auf Distanz zu gehen, sich die eigene Persönlichkeit in dieser zermürbenden Mühle bewahren, werden als mangelnde Kooperation ausgelegt, als Grund, jegliches Hilfeversprechen zu blockieren.
Es gibt keine Informationspflicht gegenüber den Betroffenen, weil es hier eine „Verführungstheorie“ (ähnlich wie bei Lesben und Schwulen) gibt, die besagt: Wer andere Menschen über dieses Thema informiert, verführt sie dazu, Hormone zu nehmen und sich operieren zu lassen. Wie schwach muss das eigene Selbst-Bewusstsein, das eigene Körpergefühl sein, um auf solche Ideen zu kommen? Verführen diese Zeilen dazu, transsexuell oder intersexuell zu sein? Spricht das nicht eher dafür, dass es gerade die FremdentscheiderInnen sind, die Hilfe benötigen. Ein Körperbewusstsein, das sich weder „Mann“ noch „Frau“ zurechnen lässt, das dem äußeren Erscheinungsbild widerspricht, sehe ich als Beweis, dass es keine zwingende Übereinstimmung zwischen dem verlangten Normkörper und dem körperlichen Selbst-Bewusstsein gibt: es kann übereinstimmen, muss aber nicht. Martine Rothblatt entlehnt für diesen Sachverhalt den physikalischen Begriff der Unschärfe. Es ist also unbestimmt, wie sich mensch über das körperliche Selbst definiert, wenigstens solange, bis mensch sich (selbst) äußert.
Seit Beginn erfolglos, findet eine technische Materialschlacht statt, um eine Ursache sichtbar zu machen – eine weitere Art der Diskriminierung: Wenn ich meine Mitmenschen respektiere, sehe ich am Verhalten, ob sich mensch für mich interessiert oder nicht. In dieser vergeblichen Suche erblicke ich die Unterstellung, dass dadurch jeder Mensch bedroht ist: als ob diese Menschen über andere herfallen würden: so werden Opfer zu TäterInnen umgelogen.
Jeder Mensch macht Fehler, das kann in einem solchen Fall nicht ausgeschlossen werden, aber die Fremdbestimmung vervielfältigt mögliche Fehlerquellen exponential. Die geringste Fehlerquote bietet ein Verfahren, das auf der Selbstbestimmung beruht: Allein das Verlangen nach Hormonen und Operationen gibt den Ausschlag, kein Mensch darf einem anderen Menschen derartige Eingriffe in die Persönlichkeit, in dessen Basis, weder aufzwingen noch verweigern; Hormone sollten nicht mehr als Medikament betrachtet werden sondern als Lebens-Mittel im engsten Sinne (sie sollten so verträglich wie möglich dosiert werden); Operationen, die Frauen zu Frauen und Männer zu Männern machen, werden als Überwindung eines Handicaps empfunden, das als solches behandelt werden sollte – als wäre ein Teil des eigenen Körpers durch einen Unfall versehrt worden und werde jetzt chirurgisch wiederhergestellt.
Selbstmorde geschehen auch durch verpfuschte Operationen, die Menschen ihrer Orgasmusfähigkeit berauben, indem z. B. keine mit Blut und Nerven versorgte Klitoris angelegt wird; der Sachverhalt entspricht den geächteten Klitorisbeschneidungen, die in Europa praktiziert wurden und z. B. in Afrika noch immer praktiziert werden. Eine Aufklärung über Art der Operationen und Risiken muss geschehen sein; der Maßstab der Operationen, also die Mindestanforderungen, müssen sich an den Wünschen der Betroffenen orientieren; was das beste Ergebnis ist, entscheiden diese; Verstöße gegen die Mindestanforderungen werden als Kunstfehler betrachtet. Eine Ombudskommission sollte als Ansprechpartnerin bereit stehen; durch demokratische Verfahren könnten bestimmte Operationsmethoden als veraltet eingestuft werden und dürften nach diesem Beschluss nicht mehr ausgeführt werden, Ausnahmen können nur Betroffene begründen. Übrigens verzichtet gut die Hälfte der transsexuellen Männer auf eine Unterleibsrekonstruktion, weil sie das Risiko nicht eingehen wollen und/oder ihnen die Ergebnisse nicht zusagen; Frage: Wäre der gleiche Anteil nichttranssexueller Männer zu einem derartigen Verzicht bereit?
Eine juristische Begründung lässt sich auflösen: Künstlernamen, ob sie nun mit dem sog. Geschlecht der AntragstellerInnen übereinstimmen oder nicht bzw. aus völlig sinnlosen alphanumerischen Kombinationen bestehen, akzeptiert heute jedes kommunale Einwohnermeldeamt. Für sonstige Änderungen des Geburtsnamens könnte ein günstiges Verwaltungsverfahren eingerichtet werden (wie es z. B. im anglo-amerikanischen Bereich möglich ist), das völlig aus diesem Zusammenhang gelöst ist: Das Recht jedes Menschen, den eigenen Namen zu wählen und ihn jederzeit zu ändern bzw. mehrere Namen gleichzeitig zu führen. Die von den deutschen Gesetzen geforderte eindeutige geschlechtliche Zuordnung eines Namens, verkennt die bisher geschilderten Zusammenhänge. Der Personenstand ist abzuschaffen, weil er die Ursache der Diskriminierung ist.
Warum gibt es kein „heterosexuelles Coming out“?
Im Laufe dieser Untersuchung wurde deutlich, dass die versteckte Abwehr auf Vorbehalten der FremdentscheiderInnen beruhen, die diese gegenüber Menschen mit uneindeutiger Körperwahrnehmung und mit uneindeutigen körperlichen Merkmalen (den sog. Intersexuellen) sowie mit vom Körperbild abweichender Körperwahrnehmung (den sog. Transsexuellen) haben. Ängste und Vorbehalte der FremdentscheiderInnen werden verleugnet, stattdessen werden diejenigen beschuldigt, denen Hilfe versprochen aber letztlich doch verweigert wird. Die Ursache dafür liegt in einer rigiden Sicht mit dem Ziel, Menschen entweder passgerecht in die heterosexistische Norm „hineinzuformen“ oder Selbstmorde in Kauf zu nehmen. Diese Praxis ist menschverachtend und muss geächtet werden, damit die Selbstbestimmung wiederhergestellt werden kann.
Das Verhalten der FremdentscheiderInnen lässt sich weder argumentativ noch moralisch begründen. Zudem ist die Politik der wissenschaftlichen Institute in sich nicht konsistent: Zwangsbehandlungen wie Psychotherapien bei Straftätern werden als vergebliche Liebesmüh gesehen und als nutzlos bezeichnet, bei den sog. Intersexuellen und den sog. Transsexuellen, sich selbst widersprechend, aber gefordert und durchexerziert; diese Menschen, von denen die sog. Transsexuellen sich auch noch darum kümmern sollen, wie sie die überflüssigen Verfahren, sprich die sog. Gutachten und die sog. Therapie, bezahlen, werden in die Rolle von Kriminellen gedrängt, bloß weil sie so sind, wie sind; gleichzeitig werden Verbrechen verharmlost und Opfer verhöhnt, indem „Pädophile“ und Vergewaltiger hofiert und für sie Mitleid eingefordert wird. Erweckt das Verhalten der FremdentscheiderInnen nur auf mich den Eindruck eines Amoklaufs? Die tiefere Ursache liegt in der Überbewertung eines schiefen Naturbegriffs, der „Heterosexualität“ als „naturgegeben“ (die moderne Variante des mittelalterlichen „gottgegeben“) setzt. Das bewirkt den Effekt einer Transphobie (Kate Bornstein), die mit einer nicht eingestandenen Homophobie verbunden ist, um die eigene Unsicherheit abzuspalten und zu verleugnen. Die zum Fetisch erhobene biologische Hardware in Verbindung mit einen hegemonialen Ordnungsmodell, das keine Variante neben sich duldet, vergiftet das Klima. Ein Reflektionsprozess findet nicht statt.
Warum auch? Solange das Hetero-Modell dominiert und jegliche Konkurrenz erstickt, würde dadurch nur Macht verloren gehen. Eine Macht, die vor allem in der Hand weniger Menschen konzentriert ist, die selbst sog. heterosexuelle Männer zu Opfern macht, wenn sie wegen eines Merkmals, einer Fähigkeit oder einer Eigenschaft diskriminiert werden, ganz gleich, ob es zutrifft oder ihnen nur untergeschoben wird. In der Soziologie wird das als Null-Summen-Spiel bezeichnet: Es sieht so aus (oder soll so aussehen), als ob der Sieg des einen Teils der Menschheit die Niederlage des anderen wäre. Ist das keine Art der Einschüchterung?
Die Angehörigen der diskriminierten Gruppen durchlaufen in ihrem Leben einen Bewusstseinsprozess, der im privaten Bereich aber auch öffentlich stattfinden kann, eine Besinnung auf sich selbst, eine Reflektion: bekannt als Coming out. Menschen, die nicht von den gegenwärtigen Machtverhältnissen profitieren, deren Ressourcen, Fähigkeiten und Persönlichkeit vielmehr enteignet werden, beziehen so Position: Frauen, Menschen mit uneindeutigem Körper, Menschen mit uneindeutigem Körperbewusstsein, Menschen in Partnerschaftsbeziehungen abseits der Norm, Linke, AntifaschistInnen, Obdachlose usw. usf. – Nur ein heterosexuelles Coming out gibt es nicht. Ist das der Grund für diese gewalttätige Abwehr des Abweichenden? Ist das der Grund für diese teuer erkaufte Unsicherheit? Ist das der Grund für diese Sexualität mit Scheuklappen, diese Anbetung des Fetisches intravaginaler Koitus zwecks Fortpflanzung?
Ist das der Grund für die Schmerzen, die anderen zugefügt werden?
Respekt bedeutet, anderen Menschen den gleichen Respekt entgegenzubringen, wie mensch ihn von anderen erwartet: Lebensformen, die nicht der eigenen entsprechen, dürfen nicht diffamiert werden, um irgendeine Lebensform zur Norm zu monopolisieren; keine Lebensform darf mit gesellschaftlichen Privilegien honoriert oder durch Vorurteile diskriminiert werden. Egal, ob mensch einen Körper hat, der sich eindeutig bezeichnen lässt, oder nicht; egal, wie mensch partnerschaftliche Beziehungen gestaltet; egal, ob mensch sich als „lesbisch“, als „schwul“, als „transsexuell“, als „intersexuell“, als „transgender“ oder sich in einer anderen, hier nicht erwähnten Art der Körperwahrnehmung und/oder der Partnerschaft selbst definiert: es handelt sich um Menschen.
Um Menschen wie Dich und mich.