Veränderung von Stimme und Sprechen bei Transidentität
Vortrag von Stefanie Heinen
Die Stimme stellt neben Gestik, Mimik und Körperbewegung ein wichtiges Ausdruckselement des Menschen dar. Sie ist Spiegel von Emotionen und gibt Hinweise auf Persönlichkeitsmerkmale sowie die Physiognomie des Individuums. Jeder Mensch identifiziert sich mit seiner Stimme – sie ist sowohl sekundäres Geschlechtsmerkmal als auch Ausdruck von sozialer Rolle und kultureller Zugehörigkeit.
Unterschiede zwischen weiblichem und männlichem Sprechen:
- Die Stimmlage von Frauen ist generell höher, es gibt jedoch Überschneidungen zwischen männlichem und weiblichem Stimmumfang
- Stimmresonanz beziehungsweise das Mischungsverhältnis von Brust- zu Kopfstimme. Bei Männern überwiegt im allgemeinen die Brust-, bei Frauen die Kopfresonanz (siehe Grafik).
Weitere spezifisch weibliche und männliche Merkmale des Sprechens sind nicht biologischer, sondern sozialer Natur und werden schon von Kindern früh adaptiert:
- Die Sprechmelodie ist bei Frauen intensiver. Das Sprechen von Frauen weist stärkere Intonationskonturen auf, wodurch die Stimmlage häufiger situativ erhöht wird.
- Das Sprechen wird aufgrund weicherer Stimmeinsätze von Hörern generell als weicher beurteilt.
- Die Übergänge zwischen den Lauten werden gebundener und weicher artikuliert.
- Unterschiede im mimischen Verhalten. Frauen reagieren in der Mimik eher zugewandter als Männer, lächeln häufiger. Akustisch bewirkt dies eine stärkere Beteiligung der Gesichtsresonanzen (vorderer Stimmansatz) und eine Erhöhung der Mundhöhlenresonanzen. Dadurch wird die Stimme im Bereich der höheren Frequenzen verstärkt, ohne dass die Sprechstimmlage explizit angehoben wird.
- Verwendung von männer- beziehungsweise frauenspezifischem Vokabular.
Um Sprechen und Stimmgebung der fraulichen Identität gemäß zu gestalten, sind folgende Veränderungen im Rahmen einer Stimmtherapie möglich:
- Veränderung der Stimmresonanz: Abbau von Brust- und Aufbau von Kopfresonanz. Dadurch wird die Stimme automatisch weicher und etwas höher.
- Erhöhung der Sprechstimmlage. Hierbei ist vorher eingehend zu analysieren, um wieviel die Stimme überhaupt erhöht werden muss. Ein Sprechen in zu hoher Stimmlage kann Stimmstörungen hervorrufen. Meist ergibt sich schon eine ausreichende Wirkung durch die Veränderung von Stimmresonanz und Sprechmelodie, um stimmlich als Frau identifiziert zu werden. Oft bestehen Diskrepanzen zwischen der Selbsteinschätzung und dem Eindruck auf Gesprächspartner.
- Förderung gebundener Artikulation
- Förderung weicherer Stimmeinsätze
- Aufbau einer intensiven Sprechmelodie und Akzentuierung
- Förderung der Gesichtsmimik
- Reflexion des Vokabulars
Der Veränderungsprozess von Stimme und Sprechen sollte von mithilfe von Videofeedback begleitet und hinsichtlich folgender Aspekte reflektiert werden:
- Ist das Sprechen emotional?
- Ist es in irgendeiner Weise übertrieben, um fraulicher zu wirken?
- Wirken Stimme und physische Erscheinung harmonisch?
- Welche Erfahrungen werden mit der Selbstdarstellung innerhalb der Kommunikation gemacht.
Generell kann eine Veränderung nur auf Basis einer gesunden Stimmfunktion erreicht werden. Häufig fallen Fehlfunktionen des Atem-, Stimm-, Sprechapparates auf, die zuvor korrigiert werden müssen:
- Unphysiologische Körperhaltung, wodurch Druck auf den Kehlkopf entstehen kann und die Atemfunktion eingeschränkt wird.
- Tendenz zu Unter- oder Überspannung der Kehlkopfmuskulatur (hypo- oder hyperfunktionelle Dysphonie). Die Tendenz zu starker Anspannung im Hals- und Kehlbereich (meist auch im ganzen Körper) führt zu angespanntem Sprechen und zu harten Stimmeinsätzen. Die Entwicklung von Kopfresonanz ist erschwert, da die Stimmlippen unter zu starker Spannung stehen und keine feineren Schwingungen entstehen können.
- Vertiefung der Stimme durch knarrenden Stimmklang. Dies entsteht häufig durch starke Anspannung im Kieferbereich, so dass der Mund beim Sprechen nicht weit genug geöffnet und der Stimmansatz rückverlagert wird.
- Unphysiologische Atmung (Brustatmung oder Schnappatmung), wodurch keine optimale Koordination von Atmung und Stimmgebung entstehen kann.
Literatur: The voice of the transsexual. In: Fawcus, Margaret (Ed.): Voice Disorders and their management. Chapman & Hall, London 1991, S. 314-332.