Protokoll
zu
Workshop 12:
Haben Transgender in Deutschland gemeinsame Forderungen an Europa?
Workshopbeschreibung:
Haben Transgender in Deutschland gemeinsame Forderungen an Europa?
First European TransGender Network on Civil and Political Rights
03.–06.11.2005 in Wien
Nicht nur in Deutschland kämpfen wir mit unterschiedlichen Auffassungen von dem, was Transgender von der Gesellschaft oder Politik wünschen, bzw. fordern. Viel schwieriger wird es, wenn wir Europa betrachten. Gemeint ist hier nicht nur die Europäische Union, sondern ganz Europa, wie es geografisch zu verstehen ist. Es stellt sich deshalb die Frage, ob es möglich sein wird, einen europaweiten politischen Konsens zu finden, der unseren gesellschaftlichen und politischen Ansprüchen gerecht wird.
Dieser Workshop soll ein wenig Klarheit in die Forderungen bringen, wie sie in unserem Land diskutiert werden, aber bislang nicht gebündelt worden sind. Er soll helfen verschiedene Standpunkte zu vereinen, die dann auch in Wien in die Diskussion eingehen sollen.
Zum Einlesen: http://tgeu.net/
Datum: 02.10.2005
Ort: Sonntags-Club e. V./manCheck, Berlin
TeilnehmerInnen: 12
Verwendete Abkürzungen:
- MDK = Medizinischer Dienst der Krankenkassen (Beratungsorgan zur Übernahme von Behandlungskosten)
- PÄ = Personenstandsänderung (entspricht dem Wechsel von weiblich zu männlich oder männlich zu weiblich)
- Standard = Standards der Behandlung und Begutachtung von Transsexuellen der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung, der Akademie für Sexualmedizin und der Gesellschaft für Sexualwissenschaft (Inoffizielles Regelwerk ohne Rechtsanspruch)
- TSG = Transsexuellengesetz
- VÄ = Vornamensänderung
Bei der Vorstellungsrunde wurden folgende Themenbereiche angesprochen, die dann auch zur Diskussion standen (Reihenfolge ohne Wertung):
- Freier Zugang zu medizinischer Versorgung
- Abschaffen des Op-Zwangs zur PÄ
- Selbstbestimmte Wahl des Vornamens, ohne Bedingungen
- Freie Wahl des/der Vornamen/s, auch (geschlechts-)uneindeutiger Vornamen
- OP-Zwang vs. OP-Berechtigung
- Einigung auf deutscher Ebene (aller Betroffenen/Selbsthilfegruppen)
- MDK-Willkür (d. h. jeder MDK entscheidet nach eigenem Ermessen, ohne bekannte Standards einzuhalten)
- Behandlungszeiten variieren, wie z. B. Wartezeiten bis zur OP-Einwilligung von einem Jahr bis zu anderthalb Jahren, oder noch länger
- Standards werden wahlweise beachtet oder verworfen
- Eine Novellierung des TSG sollte das Verfahren auf einen einfachen Verwaltungsakt reduzieren
- Kein Gutachtenunwesen (Kostenproblematik)
- Entkoppelung von medizinischen und rechtlichen (für VÄ/PÄ) Gutachten
- Reisepass: Diskriminierung durch das falsche Geschlecht. Der Eintrag im Reisepass orientiert sich an dem in der Geburtsurkunde eingetragenen Geschlecht. Dies stimmt nach vorangegangener VÄ nicht mit dem empfundenen oder tatsächlichen (z. B. nach geschlechtsangleichender Operation ohne PÄ) Geschlecht überein. Die/Der Inhaber/in wird damit unangemessen benachteiligt. Es folgt daraus immer ein Zwangsouting und verstößt damit nach TSG § 5 Offenbarungsverbot.
- Gutachten zu intim. Für die rechtliche Würdigung sollten nur die Fragen, die das Gericht stellt, beantwortet werden.
- Geschlechtergrenzen aufheben ist ein Kampf gegen Windmühlen.
- Das Geschlecht sollte auf Formularen frei wählbar sein (weiblich/männlich/anderes)
- Geschlecht warum? überhaupt? Zu was wir der Eintrag benötigt?
- TSG auf die Reihe bringen
- Therapiefreiheit, d. h. keine Zwangstherapie für die Operationseinwilligung
Unsere Forderungen an Europa:
- Diskriminierungsfreie Anrede
- VÄ als Verwaltungsakt (Erklärung reicht aus, Jede/r kann dies in Anspruch nehmen (es ist nicht an eine Diagnose geknüpft), Wahl der Vornamen ist frei)
- Geschlechtseintrag im Reispass soll dem empfundenem Geschlecht entsprechen, oder entfallen
- PÄ ohne Operation/en
- Ehe und eingetragene Lebenspartnerschaft sollen gleichgestellt sein, damit würde ein Geschlechtseintrag in der Geburtsurkunde nicht mehr benötigt werden. Desweiteren könnte dann auch die PÄ entfallen.
Weniger weitreichende Forderungen, falls die o. g. Forderungen nicht im vollen Umfang erfüllt werden können:
- Unfuchtbarkeit sollte ausreichen für PÄ
- Zulassen von geschlechtsuneindeutiger Vornamen
- In öffentlichen Formularen sollte auch neben weiblich/männlich auch anderes Geschlecht auswählbar sein
Nina S.