DIE WELT: Sexualwissenschaft ist also heute mindestens ebenso wichtig wie in sexuell weit weniger informierten Epochen?
Sigusch: Sie ist ebenso wichtig wie früher. Seit rund 150 Jahren erforscht man Sexualität und behandelt, wenn nötig, sexuelle Störungen. Aufgrund von Forschungen unseres Institutes werden heute Gesetze geändert: Das Bundesverfassungsgericht hat vor wenigen Tagen beschlossen, Teile des Anfang der achtziger Jahre erlassenen Transsexuellen-Gesetzes teilweise aufzuheben, weil sich die Transsexualität in der Zwischenzeit geändert hat. Als Begründung für diese Änderung zieht das Verfassungsgericht ausdrücklich Forschungen von mir und meinem Institut heran.
DIE WELT: Sie haben gerade ein Buch veröffentlicht, das schon im Titel von "Neosexualität" spricht. Was ist darunter zu verstehen?
Sigusch: Darunter ist eine Vielfalt von neuen sexuellen Formen zu verstehen. Der Transsexualismus ist ein solches Neogeschlecht. Es war früher nicht vorstellbar, daß Menschen operativ ihr Geschlecht ändern und im neuen Geschlecht heiraten. Heute ist es möglich, daß ein ehemaliger Mann eine ehemalige Frau heiratet. Das sind doch wohl gravierende Veränderungen. Andererseits sind Fetischismus oder Sadomasochismus heute keine klinisch relevanten Perversionen mehr. Die Betroffenen ließen sich eine Behandlung gar nicht mehr gefallen. Zudem gibt es ganz neue Formen von Sexualität, die Objektophilie zum Beispiel …