Britta Madeleine Woitschig
Leben … und sterben lassen?
Die Angst der Heterosexisten vor den Queers
„Persönlich halte ich die heterosexuelle Gesellschaftsstruktur für unbedingt erhaltens- und schützenswert. Eine etwa erwogene Einführung einer Ehe unter Homosexuellen würde weder den spezifischen Neigungen der Homosexuellen, noch der ohnehin zunehmend labilisierten und deshalb schutzbedürftigen Ehe und Familie gerecht und dürfte zu normativen Konfusionen führen.“
So Professor Dr. med. Dr. jur. Reinhard Wille von der Sexualmedizinischen Forschungs- und Beratungsstelle im Klinikum der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel in seiner Stellungnahme zur Problematik des §175 StGB für den Arbeitskreis „Rechtswesen“ der Fraktion der SPD im Deutschen Bundestag (datiert auf den 05.11.1982).
Sehr geehrter Herr Dr. Dr. Wille!
Es hat leider nichts genützt, Herr Wille, die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften wird in der Gesellschaft öffentlich diskutiert und wird wohl nicht mehr aufzuhalten zu sein. Wahrscheinlich haben Sie, so spekuliere ich, damals nur die Ängste Ihrer verschüchterten (heterosexuellen) Nachbarn in Worte gefasst, für die die Welt zusammenbrach, wenn sich Töchter selbstbewusst lesbisch und sich Söhne mit pride schwul nannten. Bei allem Verständnis für Ihre NORMalen Mitmenschen fällt es mir schwer, ja, es ist mir fast unmöglich, mit Ihnen Nachsicht zu üben, denn Sie befanden sich in einer besonderen Position der Verantwortung.
Als Jurist und Mediziner befassten Sie sich mit der Sexualität der Menschen. In der Wissenschaft ein Thema wie jedes andere auch, jedenfalls fast: denn Sie haben doch auch eine Sexualität. Wie schreiben Sie doch so prägnant in einem Ihrer ersten Absätze:
„Generell wird jede Forschung das thematische Interesse, die Arbeitshypothesen, die Methodik und letztlich die Ergebnisse auch die persönliche Einstellung des Untersuchers eingebracht. Dies gilt im besonderen Maße für die Erforschung der Sexualität, bei der direkt oder indirekt, bewusst oder unbewusst eigenes Erleben und eigene Erziehung mitschwingen und sich auch in den Auffassungen über sexuelle Normalität und deren Abweichungen niederschlagen. Ich bitte, es als Sachaussage zu verstehen, wenn ich den folgenden Ausführungen mein persönliches Bekenntnis zur Heterosexualität sowie zur besonderen Wertschätzung von Ehe und Familie voranstelle.“
Dieser Passus bereitet mir Bauchschmerzen, er verletzt mich tief, einmal auf der persönlichen Ebene und zum Zweiten auf der wissenschaftlichen. Daß Sie sich in Ihrer Welt wohl fühlen, dazu kann ich Ihnen nur gratulieren, und ich habe keinesfalls vor – wovor Sie anscheinend panische Angst haben –, Ihnen Ihr Leben mies zu machen. Nein: Live long and prosper, wie es so schön heißt. WIE Sie mit Ihrer Weltsicht umgehen, DAS finde ich beschämenswert, DAS finde ich unverantwortlich. In Ihren Sätzen machen Sie sich zum Nabel der Welt, und was jenseits Ihres begrenzten Horizonts liegt, verfolgen Sie als pathologische Abweichung: Lesben, Schwule, Intersexuelle, Transsexuelle … – Nobody expects the Spanish Inquisition! Wer nicht brav Kinder zeugen bzw. gebären kann, will oder darf, wird von Ihnen mit dem missionarischen Eifer eines Torquemada verfolgt, und Ihre Heiligen Schriften ICD-10 und DSM-IV geben Ihnen recht. Wo ein Wille ist, ist manchmal gerade kein Weg.
Ihren Gedankengang kann ich nachvollziehen. Was Sie mir als peinliche Figur erscheinen lässt, ist der Umstand, dass Sie keine Schlussfolgerungen daraus gezogen haben. Als Wissenschaftler genossen Sie die im Grundgesetz verbürgten Privilegien wertfreier Forschung und waren niemandem Rechenschaft schuldig. Haben Sie dieses Recht nicht durch Ihre verantwortungslose Propaganda missbraucht.
Und Ihre Bitte, Ihren Standpunkt „als Sachaussage zu verstehen“, lässt mich an Ihrem Verständnis von Wissenschaft zweifeln. Das ist nach meinem Verständnis kritischer Wissenschaft kein Lapsus, sondern pseudowissenschaftliches Verhalten. Sie BEWEISEN damit NICHTS! Sie betreiben Demagogie, derer Sie sich schämen sollten – wenn Sie nicht nur älter sondern auch weiser geworden sind.
Bis jetzt hat noch keine „Invasion“ der Queers stattgefunden. Sie wird auch nicht stattfinden, weil Ihre Ängste jeglicher Grundlage entbehrten. Sie sind allerdings ziemlich aufschlussreich, weil Sie wahrscheinlich für viele (konservative) Leute standen: der „schweigenden Mehrheit“? Deshalb „Minderheiten“ auszugrenzen und zu stigmatisieren, um ihnen angeblich zu helfen, wirkt auf mich so sympathisch wie ein rassistischer Bure im Apartheids-Südafrika, der sich angeblich für die Belange der „Schwarzen“ (um in Ihrem political incorrecten Slang zu bleiben) einsetzt. Ihr Verhalten glich Nineteen-Eighty-Four dem Titel eines James Bond: To live and let die. Warum söhnen wir uns nicht mit einem LEBEN UND LEBEN LASSEN aus?
Mit freundlichen Grüßen
Ihre Britta Madeleine Woitschig
P.S.: Prof. Dr. Dr. Reinhard Wille ist glücklicherweise emeritiert, d. h. er lehrt nicht mehr an der Universität, nach einem Interview in den Kieler Nachrichten wird er jedoch weiterhin fleißig sog. Gutachten verfassen. Bedauerlicherweise hat er einen Nachfolger für seinen Posten im Klinikum gefunden …
Alle Zitate aus: SPD-Bundestagsfraktion (Hrsg.): § 175 Dokumentation einer schriftlichen Anhörung, Bonn 1984.