Britta Madeleine Woitschig
Wenn Lehrende erzogen werden sollen
Kinder und Jugendliche können grausam sein. Zwar wollen sie erwachsen werden, solange sie glauben, die Erwachsenen dürften alles, aber zugleich wollen sie von ihren Freundinnen und Freunden ernst genommen und bewundert werden. Auf diese Weise kommt eine Hackordnung zustande, die sanft zur Konformität zwingt, denn das oberste Gebot heißt: Bloß nicht auffallen! Was in die Nähe der Schülerschaft gerät, wird deshalb auf mögliche verräterische Merkmale gescannt, und manchmal bilden sich die Neunmalklugen ein, etwas gefunden zu haben. Dann wird gelästert und getratscht, geschnitten und gemobbt, bis das Opfer ausgeschlossen ist. Die heterosexuellen Muster spielen dabei eine wichtige Rolle, denn seit Jahrzehnten rangieren „schwul“ und „lesbisch“ als beleidigende Verdikte auf den oberen Plätzen der Beschimpfungen. Ob das lediglich Vorurteile sind, ob die sich die Ausgegrenzten wirklich zu einer dieser Gruppen zählen, ob sie sich eigentlich als transsexuell oder transgender definieren, all das zählt nicht und wird nicht wahrgenommen.
Dieser infame Mechanismus funktioniert auf beiden Seiten des Katheders. Allerdings haben sich seit der Rebellion in und vor dem Stonewall Inn in der Christopher Street die Kräfteverhältnisse geändert: Zunächst haben sich die Schwulen und Lesben organisiert, sind gegen Vorurteile angegangen und haben sich Rechte erstritten, die ihnen vorenthalten wurden. Gut zwanzig Jahre später, in den 1980er und 1990er Jahren haben Transsexuelle und Intersexuelle ähnliche Anstrengungen unternommen. Es gibt Erfolge, größere und kleinere, leider auch Rückschritte, und das Erreichte muss permanent gegen Angriffe und Attacken verteidigt werden.
Auch unter den Lehrenden gibt es Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transsexuelle, die wissen, dass sie leicht denunziert werden können. Das vorliegende Buch versteht sich als Handreichung sowohl für Lehrende als auch Studierende oder Jugendliche an Schulen. Die Reihe Complicated Conversations, dessen 22. Band dieses Werk ist, weigert sich, einfache Rezepte zu liefern, sondern versteht sich eher als Stimulation für einen aktiven Dialog, als Anreiz, eigene Strategien und Argumentationen zu entwickeln.
Die wissenschaftliche Anthologie muss fragmentarisch bleiben, hat aber einen Schwerpunkt auf den Staaten des ehemaligen britischen Commonwealth: USA, Kanada (ausdrücklich ohne Quebec), Großbritannien und Australien. Obwohl mit William F. Pinar einer der Herausgeber sich mit der Erforschung und dem Vergleich internationaler Curricula beschäftigt, bildet das angelsächsische System den nicht explizit formulierten Standard. Yin-Kun Changs Beitrag über taiwanesische Schulen sorgt für eine exotische Note, wobei ich mir vorstellen kann, dass eine asiatische Perspektive über „Soldaten im Schrank“ und die „Ästhetik des Karnevals“ nach Bachtin eine eigene Schrift verdient hätte. Der Band erschien in der zweiten Legislaturperiode des 43. US-Präsidenten George W. Bushs, eines häufig überfordert wirkenden Erzkonservativen und evangelikalen Christen. In ihrer Zusammenstellung stellen Rodriguez und Pinar heterogene Positionen nebeneinander, ohne sie durch ausgewogene Moderation zu verwässern. Dadurch werden Einblicke möglich, die sonst verschwiegen würden oder unsichtbar blieben.
Die Lehrerin Reta Ugena Whitlock versteht sich sowohl als fundamentalistische Christin als auch als Lesbe: als „queerly fundamental“ bzw. „fundamentally queer“. Ihr Beitrag ähnelt denn auch in ihrem diskret demonstrativen Duktus protestantischen Erweckungsschriften, der entsprechend distanziert gelesen werden muss. Was Whitlock an beruflichen Erlebnissen preisgibt, wirkt zwar ehrlich und authentisch, aber leider blendet sich an den entscheidenden Stellen aus und lässt offen, wie bzw. ob sie ihren Konflikt an einer Schule in einer Kleinstadt in den Südstaaten gelöst hat. Die jüngeren Seiten des Comic-Klassikers „Dykes to Watch Out For“ von Alison Bechdel mit der lesbischen Studentin, die sich in der republikanischen Partei organisiert (Pro-Bush und Anti-Michael-Moore), halte ich für wesentlich aufschlussreicher und einem breiten Publikum besser vermittelbar.
Die Beiträge von Jane L. Lehr und von Karen Anijar und Angelika Foerst wenden sich gegen religiösen Fundamentalismus. Die vehement formulierte Polemik von Anijar und Foerst gegen den vulgären Umgang mit letztlich homophoben wissenschaftlichen Erkenntnissen ist zwar nachvollziehbar und zeigt, wie verletzt sie durch die demagogische Rhetorik sind, bleibt aber in erster Linie ein zeithistorisches Dokument, das allein durch die Wahl Barack Obamas Staub angesetzt hat. Die kühlere Britin Lehr analysiert ihre Situation im homophoben Virginia einerseits radikal und drastisch, andererseits beweist sie Augenmaß, indem sie sich auch der Wissenschaft mit derselben Vorsicht widmet wie der Religion. Sie warnt vor einer Evolutionstheorie, die als Dogma genau so gefährlich ist wie die religiösen Weltanschauungen. Ihr Ansatz wird denn auch später von John E. Petrovic und Jerry Rosiek aufgegriffen, die ihren Blick auf die Literatur von emanzipatorischen Verbänden lenken, deren aufklärende Schriften häufig voreilig aktuelle naturwissenschaftliche Daten übernehmen, ohne mögliche kontraproduktive Implikationen zu bedenken. Der Aufsatz des Herausgebers Rodriguez an letzter Stelle wirkt denn auch wie eine Conclusio der Diskussion, zumal sein Plädoyer für die kritische Theorie, die mit den poststrukturalistischen Schriften von Michel Foucault und Judith Butler ausgearbeitet werden kann, durchdacht ist und zu überzeugen vermag.
Zielgruppe der Anthologie sind auch Lehrkräfte, die sich zum ersten Mal mit nicht-heterosexuellen Thematiken auseinandersetzen wollen. In diesen Disziplinen Erfahrene werden deshalb die ersten drei Beiträge als Wiederholung altbekannter Positionen empfinden, die Übrigen erfahren im Vorwort von Rodriguez, der Einleitung von Pinar und dem Beitrag von Elizabeth J. Meyer, weshalb dieser Band veröffentlicht wurde. Wie brisant ein solches Handbuch zur Fortbildung des Lehrpersonals trotzdem ist, zeigt die Chronik von Marie Louise Rasmussen, Jane Mitchell und Valerie Harwood. „Der heterosexuelle Fragebogen“ kehrt die Vorurteile um, indem er Personen mit denselben Rhetorik fragt, weshalb sie heterosexuell geworden sind, gegen die sich sonst Lesben, Schwule und Transsexuelle rechtfertigen müssen. Als in Australien ein Lehrer in einer Vertretungsstunde den Fragebogen im Unterricht verwendete, kam es in der nationalen Presse zum Eklat. Schließlich steht der Beruf des Lehrenden sowieso in der öffentlichen Kritik, wird für diverse gesellschaftliche Missstände verantwortlich gemacht und soll ad hoc aktuelle Entwicklungen pädagogisch verwerten. Am Beispiel der amerikanischen Lehrkräfte zeichnet Pinar ein Porträt des Berufsstandes, dem der Ruch des Unmännlichen, des Weiblichen anhaftet und außerdem rassistisch als nicht-weiß empfunden wird. Seine soziale Historiographie zählt zu den Glanzstücken des Bandes.
Welche der englischen Sprache mächtig ist, sollte einen Blick riskieren. Es bleibt zu hoffen, dass der eine oder andere Beitrag in deutscher Übersetzung nachgedruckt wird. Der Ansatz von Rodriguez und Pinar verdient es, fortgesetzt zu werden.