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Britta Madeleine Woitschig

„No Genitals Were Harmed“: Impressionen vom Fetisch Film Festival in Kiel

09.12.2008 transray 2.5456 http://transray.com/2.5456 [Stand: 09.12.2008]

Britta Madeleine Woitschig

„No Genitals Were Harmed“: Impressionen vom Fetisch Film Festival in Kiel

Vorurteile sind trügerisch. In den wenigsten Fällen helfen sie weiter, auch wenn sie hin und wieder zutreffen mögen. Sie verraten mehr über diejenigen, die ihnen anhängen, als über die, auf die sie gemünzt sind. Menschen sind verschieden, und der Versuch, sie klinisch sauber zu kategorisieren, ist zum Scheitern verurteilt. Glücklicherweise. Doch häufig gibt es eine gewaltige Kluft zwischen dem Bild von sich selbst, also der Selbstwahrnehmung einer Gruppe, und dem Blick von außen, der in einer Welt der Medienkonzerne durch formatierte Programme für das breite Publikum erfolgt. Bestimmte Bilder werden dabei solange wiederholt, bis sie sich in den Köpfen festgesetzt haben, wobei das die Leute hinter der Kamera noch nicht einmal beabsichtigen müssen. Die ständige Präsenz einzelner Gruppen prägt stereotype Bilder, in denen das vermeintlich Normale vom sogenannten Anderen unterschieden wird. Aus dieser Perspektive gehört die Fetisch- und BDSM-Szene ebenso zum anderen wie Transsexuelle, Transgender und Crossdresser.

Im letzten Vierteljahrhundert hat sich diese Szene ihre eigenen Infrastrukturen geschaffen. Vor 25 Jahren erschien die erste Ausgabe eines hektographierten Fanzines mit dem Titel SchlagZeilen; daraus ist inzwischen ein fingerdickes, vierfarbiges Hochglanzmagazin geworden, das stolz seine hundertste Ausgabe feiert. Durch die Vernetzung haben Menschen zueinander gefunden, um ihre erotischen Phantasien auszuleben, sich miteinander zu vergnügen und zu feiern. Die meist regionalen Treffen mit Gleichgesinnten erforderten eine differenzierte, sensible Kommunikation, so dass sich eine eigene Fachsprache herausgebildet hat, die auf Uneingeweihte zunächst befremdlich wirken kann. Solche Vorbehalte lösen sich in der freundlichen Szene jedoch rasch auf, weil sich der Sachverhalt aus dem Kontext ergibt.

Die Gruppe SaMba findet sich jeden zweiten Montag im Monat im Szene-Restaurant Club 68 ein, bekannt durch Brösels Werner-Comics. Der Kieler SM-Stammtisch trifft sich am vierten Montag im Monat in der TraumGmbH, einem kommerziellen Kulturzentrum in einem Industriegebiet zwischen der Universität und einer Schnellstraße mit Restaurant, zwei Kinosälen und großen Hallen für Konzerte, Discos, Partys und andere Events. In einem Monat mit einem fünften Samstag findet zu diesem Termin eine Fetisch-Party statt, bei der ein Dresscode gilt, der Straßenkleidung untersagt. Ein separater Eingang bietet diskrete Umzugsmöglichkeiten für Abendgarderobe in die erlaubten Kategorien Lack, Leder, Latex, Lingerie oder Nude. Seit zehn Jahren treffen sich hier, vorwiegend schwarz gewandet, die lokale Fetisch-Szene, Sadist_innen, Masochist_innen, Goths und Transvestiten.

Die Veranstalter des anspruchsvollen Arthauskinos feierten dieses Jubiläum vom 20. bis zum 29. November 2008 mit einem Fetisch Film Festival, meines Wissens, dem weltweit ersten Festival dieser Art. Unabhängig von staatlichen Förderungen jeglicher Fasson entstand ein mutiges Programm von fast ausschließlich freien Produktionen, wiederentdeckten Klassikern und aktuellen Trends aus dem Internet, die digital auf die Leinwand projiziert wurden. Täglich liefen eines bis drei Programme, die wegen der Länge der jeweils meist aus zwei bis drei Produktionen bestanden, wenn sie nicht ausschließlich aus Kurzfilmen bestanden. Obwohl die ersten Aufführungen um 17.45 Uhr begannen, konnte meines Wissens kein Film eine FSK-Freigabe vorweisen oder war als Pornofilm sowieso ab 18 Jahre freigegeben, wendete sich das Festival ausschließlich an Erwachsene. Einige der Programmpunkte – wie die Huckepack auf Männerschultern reitenden Frauen, bekleidet, nackt oder im Sulky – waren jedoch von dermaßen rührender Naivität, dass ich persönlich eine Freigabe von 16 oder 14 Jahren für ausreichend gefunden hätte (andere mögen andere Maßstäbe anlegen).

Künstlerisch hat sich das Risiko auf jeden Fall gelohnt, denn das Publikum kam mit einer Ästhetik in Berührung, die üblicherweise verklemmt und verschämt beiseite geschoben wird. Trotz des finanziellen Desasters wegen des kläglichen Zuspruchs ist eine Fortsetzung im nächsten Jahr geplant, dann allerdings wesentlich kürzer, nämlich von Freitag bis Sonntag. Sich auf Überraschungen einzulassen, brachte manche Entdeckung.

Die Auswahl der von mir rezensierten Filme ist höchst subjektiv, da ich nicht an allen Tagen anwesend sein konnte. Einen kommentierten Überblick über die Filme des Festivals und das Festival an sich liefert der Blog von Domenique von Sternenberg, einer Domina aus Zürich. Deswegen beschränke ich mich hier guten Gewissens auf jene Filme, in denen Transsexuelle, Transgender und Crossdresser auftreten.

Bound for Pleasure

Diese Auftritte überwogen in Dokumentarfilmen, die sich als Aufklärungsfilme für das breite Publikum verstanden. In den 1990er Jahren verstarb in Neuseeland ein Mann bei einer Sitzung mit einer nicht-professionellen Domina. Dadurch schienen Vorurteile bestätigt, und Vorbehalte verfestigten sich zu Ressentiments. Der Filmemacher David Blyth porträtiert in Bound for Pleasure die Szene in ihrer Vielfalt, wobei die grundlegenden Vereinbarungen des safe, sane, consensual betont werden. Die Sicherheit vor Ansteckungen mit Geschlechtskrankheiten einschließlich HIV/AIDS und Hepatitis v. a. mit Kondomen, das bewusste, reflektierte Aushandeln der Rollen der Sitzung mit Notfallsignalen zum sofortigen Abbruch sowie das gegenseitige Einverständnis aller beteiligten Personen bilden die Basis. Die Domina Mistress J lehrte an der Universität von Wakita und lebt jetzt im australischen Melbourne: Wie Sandy Stone in Monika Treuts Gendernauts fasst sie ihre Erfahrungen, Einstellungen und Erlebnisse zu kurzen, treffenden Thesen und Statements zusammen. Dabei unterstützen sie Mistress Jasmyn, Mistress Sandy, Mistress Sabrina Blaze, Master Lance sowie Slave Bruce und Slave Chanay. Zunächst verwirrt der Film mit seiner raschen Folge verschiedener Gesichter, obwohl er ruhig geschnitten und respektvoll inszeniert ist, doch nach und nach schält sich eine Argumentation heraus, die von einfachsten Dingen ausgeht, um kontinuierlich komplexer zu werden. Die erste Hälfte brachte Bilder, die langweilen konnten, weil Ähnliches schon dutzendfach gesendet wurde. Aus den vorgestellten Personen entwickelte sich im brillanten zweiten Teil jedoch ein Beziehungsgeflecht, das allzu schnelle Schlussfolgerungen vereitelte. Die Domina im Rentenalter, Mistress Sandy, betreibt ihre Passion im Familienbetrieb, denn der langhaarige Biker Master Lance ist ihr Sohn, mit dem sie gemeinsam ihre Kundschaft behandelt – darunter zum Beispiel eine andere Domina, die bei ihr die masochistische Position einnimmt. Die ältere Dame Mistress Margaret in ihrer guten Stube verströmt einen tantenhaften Charme in ihrer distinguierten Nonchalance, der bei einem Kaffeekränzchen mit der Queen kaum auffallen würde, wären da nicht die schwarzen Spitzen, die einiges ahnen lassen. Im Finale kommt heraus, dass sie mit ihrem Sklaven Bruce eine 24/7-Beziehung lebt, d. h. jederzeit und überall, ohne Unterbrechung. Das war allerdings nicht geplant. Zunächst war Bruce einer ihrer zahlenden Kunden, der irgendwann seine Besuche einstellte. Nachdem seine Frau drei Jahre vor den Aufnahmen an Krebs gestorben, stellte er den Kontakt wieder her, aus dem dann ein sadomasochistisches Liebespaar wurde.

Den transsexuellen Part füllt zunächst die biedere Sklavin Chanay, die durch ihre Biographie Mistress J’s These über Männlichkeit illustriert. Nach Ansicht der gebildeten Domina ist Männlichkeit das zerbrechlichste Ding der Welt, weshalb das Spiel damit zwangsläufig extrem gefährlich ist. Chanay hatte Jahrzehnte als Mann gelebt, als sie das erste Mal mit SM-Praktiken experimentierte und dabei ihre weibliche Seite entdeckte. Außerhalb des Interviews wird sie gezeigt, wie sie ihre Topfblumen gießt. Nach ihrem Coming-out ist sie mit ihrer neuen, weiblichen Identität zufrieden und hat kein Verlangen mehr nach sexuellen Partnern – quasi eine neuseeländische Charlotte von Mahlsdorf. Den Gegenpol bildet Mistress Sabrina Blaze, die einzige Domina mit Vor- und Nachnamen. Durch ihre tiefe Stimme und ihr markantes Profil durchbricht sie geschlechtliche Raster, allerdings wird dieser Aspekt vor der Kamera nicht angesprochen. Für sie besteht der Reiz von SM in der Inszenierung einer phantastischen Welt, beispielsweise eines imaginierten Mittelalters, durch das eine innere Reise möglich wird. Dabei unterstreicht sie ihre Dominanz, indem sie ein blitzendes Schwert in ihren Händen präsentiert. Die Äußerungen der beiden Dargestellten dauern lediglich etwas mehr als fünf Minuten, wodurch sich ihre Beiträge wie Fußnoten in den Film einfügen.

Tabubruch? 1

Die Ziffer im Titel weist auf Fortsetzungen hin, die bislang nicht zustande kamen, weil sich das Projekt einer Serie über die deutsche Szene finanziell nicht rechnete. Nach meinen Unterlagen scheint es eine erste Fassung gegeben zu haben, die mindestens einmal öffentlich aufgeführt wurde, denn auf einer Webseite wird auf eine Interviewsequenz verwiesen, die in Kiel nicht gezeigt wurde. Der erste Teil dieses audiovisuellen Magazins besteht aus vier Blocken mit vier Paaren, von denen drei in einer Beziehung leben, während sich das vierte lediglich die Wohnung teilt. Als Moderator und ständige Figur stellt Axel Tüting die Porträtierten vor, die sich im Laufe der Sequenz dann bei einer Sitzung filmen lassen. Redende Köpfe bestimmen das Bild, illustriert durch Hintergründe, die zwischen braver Bürgerlichkeit und intimer Kulisse angesiedelt sind.

Die Paare sind ausschließlich heterosexuell; die zwei Frauen, Kim und Victoria, leben nur in einer WG. Wie die anderen Abgebildeten wird ihnen dieselbe Zeit zugestanden, eine knappe halbe Stunde, was aber durch die folgende Sequenz neu gewichtet wird. In Victorias Anwesenheit erzählt die nicht-transsexuelle Kim von ihren vorsichtigen Begegnungen mit ihren eigenen Phantasien von Schmerz und Leiden, die gleich darauf in ihrer Beziehung mit ihrem Herren Wolf illustriert wird. Die dominante Victoria in ihrem dunkelblauen Kostüm hingegen wirkt zugeknöpft und beschränkt sich auf verbale Stellungnahmen. Ihr markantes Gesicht mit ihrer schlichten Frisur weist deutliche Spuren männlich gelebter Jahrzehnte auf, obwohl sie diesen Teil ihrer Biographie nicht anspricht. Der Hinweis findet sich nur in begleitenden Texten über den Film. Ausführlich beschreibt sie, wie sie ihre masochistischen Partner bestraft, indem sie erzählt, wie sie sich überwunden habe, einen Sklaven mit der Hand zu schlagen. Sie fürchtete, dadurch den Respekt gegenüber ihrem Mitspieler zu verlieren, streitet jedoch ab, dass das geschehen sei. Allerdings gibt sie zu, Männer generell zu verachten, die deswegen ihre Strafe verdient hätten, und schwärmt davon, ihren Partnern den Atem zu nehmen. Auf mich wirkt diese ziemlich unverstellte Aggression wie eine unreflektierte Rachephantasie, denn das Geben und Nehmen des Atems (vgl. z. B. die Genesis-Kapitel) bedeutet eine göttliche Position, eine aus meiner Sicht größenwahnsinnige Anmaßung. Die selbst angenommene Rolle der grausamen Frau scheint mir ein Ventil für erlittenes Unrecht zu sein, möglicherweise die juristischen und medizinischen Gatekeeper des transsexuellen Verfahrens. Sie spiegelte ihre Rache dann an unbeteiligten Dritten, was ich kaum als gesund empfinde.

Bianca Beauchamp: All Access 2: Rubberized

Diese Dokumentation porträtiert das Latex-Modell Bianca Beauchamp, die drei Tage lang mit ihren Freundinnen Jean Bardot und RubberDoll sowie The Richard die umfangreichen Festivitäten in Montreal vorstellt. Im Stil einer MTV-Reportage geschnitten, fast ständig gut gelaunt und wild am Herumwirbeln wenden sich Bianca und ihre Entourage sichtlich an ein amerikanisches Publikum unter 30. Dabei inszeniert sie sich so, wie sie und ihr polyamouröser Hofstaat SM verstanden wissen wollen, nämlich als quietschbunte, vergnügte Mischung aus Comics, Cartoons und Horrorfilmen: Ihren ersten Auftritt legt sie als Supergirl hin, dann donnert sie sich aufwändig zu einer Latex-Prinzessin auf, schließlich zeigt sie sich im pinken Ganzkörper-Catsuit. Interessant wird der allzu glatte Film, wenn die Fassade bricht: Sobald sich Bianca in T-Shirt und Jeans zeigt oder ungeschminkt in ihrer Limousine zum nächsten Termin gebracht wird, wobei sie mit dem Gedanken spielt, den Kram hinzuschmeißen, mit dem sie ihr Einkommen bestreitet, dann funkelt ungekünstelte Ehrlichkeit durch – doch diese Momente sind zu kurz und gehen in der Masse des Partygekreische unter. Nach einer Dreiviertelstunde nervt der prollige The Richard nur noch.

Transsexualität wird überhaupt nicht angesprochen. Die körperformenden Kostüme aus Latex der Fetisch-Queen, ihrer Zofen und ihres Hofnarren werden hingegen häufig thematisiert. Die Haut aus Latex über dem blanken Körper besitzt einerseits erotische Reize, weil sie haptisch angenehm sind und schmeichelnde Aufmerksamkeit garantieren, andererseits gibt es einem fließenden Übergang zum Crossdressing. Zeitweise lässt sich dadurch ein anderer Körper sinnlich konkret erleben, der bei Festivals und Partys in einer begrenzten, toleranten Öffentlichkeit ausgetestet werden kann, wobei die Qualität des Irrealen und Phantastischen kein Hindernis darstellt. Wenn Frauen Kostüme mit ballonartigen Brüsten über ihrem echten Oberkörper tragen, erzwingt ihre temporäre Physis eine neue Choreographie, um Hindernissen auszuweichen oder Aufgaben zu erledigen. Exemplarisch wird der verspielte Umgang mit Geschlecht und Identität bei Steffy the Rubber Doll (nicht zu verwechseln mit RubberDoll!). Steffy ist ein Party-Selbst von SteveB, der sein weibliches Ich in Form einer Ganzkörperpuppe gestaltet hat, in die er hereinschlüpft. Sie ist ein von mehreren Identitäten von SteveB, der unter dem Kostüm männlich bleiben will – quasi eine Drag Queen in Latex.

Nach den Dokumentationen nun zu den Spielfilmen.

L’eredità di Caino/The Heritage of Cain

Der in sieben Jahren entstandene italienische Spielfilm beruft sich auf eine Vorlage von Leopold von Sacher-Masoch. Der Titel bezieht sich auf den berühmten Roman Venus im Pelz, der den ersten Teil des nie fertiggestellten sechsteiligen Zyklus Das Vermächtnis Kains bildet. Luca Acito und Sebastiano Montresor lag nichts an einer realistischen Verfilmung, die nach ihrem Verständnis kaum überzeugend gewesen wäre. In ihrer visuellen Gestaltung orientieren sie sich in erster Linie an Stanley Kubricks Meisterwerken 2001 – A Space Odyssey und Clockwork Orange, denn das Geschehen entfaltet sich auf einer dunklen Bühne, deren Parkett wie ein Schachbrett gemustert ist. Menschliches Verhalten wird abstrakt in einem Laborexperiment durchexerziert, in dem es um die Liebe eines Mannes zu einer Frau geht. Bei der Frau handelt es sich um seine ideale Vorstellung von Weiblichkeit, der seine Angebetete nicht gerecht werden kann, obwohl er alle Mühen und Plagen auf sich nimmt, um einen Zustand zu erreichen, den er als Liebe empfinden kann. Sein Phantasma von Weiblichkeit zerspringt dabei in vier bestimmende Vektoren: Die erhabene, bloß durch ein rotes Symbol dargestellte Geliebte, eine Prostituierte, eine Zofe und die Herrin Xenobia.

Wie Liebe zu einem paradoxen Gewaltverhältnis wird, lässt sich an zwei Szene verdeutlichen. Die kurzhaarige Prostituierte sitzt im Anzug in einem Rollstuhl, dem er sich als Zofe mit weißem Häubchen in Rock und Schürze nähert. Als diese Beziehung bricht, liegt er in sich verdreht eingezwängt unter dem Rollstuhl, der sich ausdauernd dreht. Geschlechterrollen werden transzendiert, teilweise auch umgekehrt, um letztlich Intensität zu erreichen. Die Performance wird dabei jedoch nicht zum Selbstzweck sondern bleibt in eine komplexe ästhetische Argumentation eingebunden.

Hailey Makes the Boy Bride

Bei den Rollenspielen wird zwischen männlicher Dominanz (MaleDom) und weiblicher Dominanz (FemDom) unterschieden. Ein Szenario des FemDom delektiert sich an der Phantasie, den unterworfenen Mann in eine weibliche Rolle zu zwingen (FemForce): Der reiche Benny will Louisa heiraten. Weil Benny nicht vor der Trauung mit ihr schlafen will, flüchtet sie sich zu ihrer besten Freundin Hailey Young, die heimlich in sie verliebt ist. Hailey arbeitet als Stripperin. Bei einem ihrer Auftritte erkennt sie Benny unter den Gästen. Sie rächt sich an ihrem Rivalen, indem sie ihn mit einer fraulichen Rolle bestraft. Louisa versöhnt sich mit Benny, den sie als Sissy-Boy unter ihrem Pantoffel hält. – Ich erwähne hier nur die Inhaltsangabe, gehe aber auf den Film nicht weiter ein, weil ich ihn selbst nicht gesehen habe.

Infernali

Obwohl sich die digitale Kopie mit dem Projektionsgerät nicht verstand, weshalb es zu Störungen kam und die Aufführung von Pannen geprägt war (so lief der Anfang mehrfach durch, während der Mittelteil übersprungen werden musste), wurde die amerikanische Produktion auf dem Festival mehrfach vom Publikum ausgezeichnet: In der Begründung für den besten Film heißt es, „der Film aus Domme Dietrichs Studio hat einen visionären Look, ausführliche Sessions sowie religiös-philosophische Anspielungen.“ Die zweite Domina, gespielt von Lola, erhielt darüber hinaus den Preis für die beste Darstellung einer Trans-Person: „Lola erscheint als dominante Frau und erweist sich als transsexuell.“ Mit einer Länge ist 50 Minuten ist das Werk nicht abendfüllend, die packend inszenierte Abfolge extremer Sessions in einem New Yorker Studio fordert jedoch vom Publikum einiges an Offenheit ein, so dass mit dem Finale die Aufnahmefähigkeit der Zuschauenden erschöpft ist. Dazu trägt auch die komplexe Struktur bei. Auf der Webseite des Festivals erklärten die Veranstalter, das Werk besitze keine Geschichte, doch dagegen protestierte Domme Dietrich, deren Antwort dort ebenfalls nachlesbar ist. In seiner Gestaltung orientiert sich Infernali an den Werken von David Lynch, die sich inhaltlich mit der latenten und manifesten Gewalttätigkeit der amerikanischen Gesellschaft beschäftigen. Wie bei Todd Haynes können Identitäten gebrochen werden, indem eine Figur durch mehrere Akteure, möglicherweise verschiedenen Geschlechts, dargestellt wird und die Abfolge der einzelnen Handlungsteile entweder umgestellt oder in eine zirkuläre Struktur aufgelöst wird. Jegliche Inhaltsangabe entlarvt sich deshalb als subjektive Interpretation, gegen die natürlich Einspruch erhoben werden darf – trotzdem möchte ich dieses Wagnis eingehen, um zumindest einen Eindruck des Erlebnisses zu vermitteln. Wegen der oben genannten Mängel der Aufführung bitte ich, mir die sich daraus ergebenden Fehlschlüsse nachzusehen.

Der Titel lässt sich übersetzen als Die Höllischen, womit auf den kanonisierten Klassiker La divina commedia (ca. 1307–1320) des Florentiners Dante Alighieri angespielt, in dem um die Läuterung eines Mannes in mittleren Jahren geht, der die neun Kreise der Hölle durchschreiten muss, bevor er seiner Geliebten im Paradies begegnen darf. Die Adaption begnügt sich mit dem Abstieg bis zum tiefsten Punkt der Hölle, der hier in der fünften Episode erreicht wird, während die Außenwelt – das reale New York – lediglich in einer einleitenden Sequenz als neutraler Weg durch eine Häuserschlucht oder Schatten hinter Fenstern erscheint. Die Tür in das Domina-Studio wird zu einem Interface zwischen zwei gegensätzlich organisierten Welten: Das Draußen des realen New York wird zu einer patriarchal organisierten Oberfläche, in der Männer Frauen dominieren und teilweise auch grundlos bestrafen. Durch diesen Akt verliert die Welt aber ihre Körperlichkeit an sich und löst sich in einem virtuellen Flimmern und Flirren flexibler Pixel auf, einem kategorischen Verlust, der um jeden Preis gefüllt werden muss. Der herrschende betritt deshalb das Reich der Dominas, die ihn für seine Verfehlungen bestrafen, indem sie mit der flachen Hand auf seinen Penis schlagen, ihn kreuzigen, ihm eine Dornenkrone aufs Haupt setzen, ihn mit anderen männlichen Sklaven zu homosexuellen Akten zwingen. Die kürzeste Sequenz zeigt eine Domina, vor der vier nackte Männer in devoter Stellung hocken, wobei drei der Männer ihren Mund am Anus ihres Vordermannes haben. Die Domina erklärt, sie füttere den Ersten, dessen Verdautes den Nächsten füttere, bis diese aggressive Wohltätigkeit den Letzten erreicht habe. Diese Bilderfolge lässt sich als Gebrauchsanweisung interpretieren, die eine Rekonstruktion der Chronologie, ergo der höllischen Kreise, erlaubt, die zum Zentrum hin, immer weiblicher und leiblicher werden. Die Übergänge zum auch satanistisch präsentierten Zentrum werden durch Verschiebungen der Geschlechtsrollen, Leiblichkeiten und Identitäten sichtbar gemacht: Auf der Ebene der Dominas enthüllt das Spiel Lolas mit ihrer Herrin, der sie übrigens äußerlich wie ein Spiegelbild gleicht, dem Übergang auf der sadistischen Ebene, während die finalen lesbischen Sitzungen den Zyklus auf der masochistischen Ebene vervollständigen. Welche_m diese bizarre Utopie der Wiedererringung des eigenen, als weiblich transzendierten Leibes zu humorlos erscheint, sei auf den Anfang des Abspanns verwiesen. Dort heißt es – frei nach den inzwischen obligatorischen Verpflichtungen des Mainstreamkinos aus Hollywood zum Tierschutz – : „No Genitals Were Harmed“, keine Genitalien wurden bei der Produktion verletzt. Die Erklärung wirkt überzeugend, denn das Gemeinschaftswerk von Francisco, Alexis Jess und AK47 in seiner ausgereiften Film Noir-Ästhetik erfordert in den Bereichen Kamera, Licht, Ton, Make-up und Schauspielerführung ein ausgereiftes Konzept, das einen Drehplan verlangt, bei wohl kaum eine Sequenz 1:1 abgefilmt wurde.

Publikumspreise des ersten Fetisch Film Festivals

Das komplette Programm hätte sich durchaus als Fortbildung für Psycholog_innen, Soziolog_innen, Sexualwissenschaftler_innen und Mediziner_innen und Interessierte geeignet, um endlich die schiefen Bilder der eigenen, zur Norm erhobenen Vorstellungen der Disziplin zu revidieren und zu korrigieren. Die platte Teilung zwischen Homo- und Heterosexualität wäre bei diesem Seminar als überholt ad acta gelegt worden. Außerdem wäre es eine Warnung gewesen, wegen der voreilig pathologisierenden Sichtweisen das berufliche Wissen neu zu bewerten, während die Sexualisierung banaler Akte, die manchmal in den Fitnessbereich hinübergehen, aufmerken lassen müsste. Das menschliche Verhalten ist rätselhaft und entzieht sich monolithischen Kategorisierungen, so dass es in sich widersprüchlich ist, ohne als krankhaft oder urban-postmoderner Lifestyle abgekanzelt werden zu dürfen.

Am 1. Dezember wurde die Auswertung der vom Publikum ausgefüllten Fragebögen abgeschlossen, so dass die Preise auf der Webseite des historischen Festivals verkündet werden konnten.

  • Bester Film: Infernali von Francisco

  • Bester Kurzfilm: A Dog’s Tale von Steven Speliotis

  • Bestes Musikvideo: Ressurrection for a Day von Greta Schmidt

  • Beste Darstellung einer Domina: Mistress Harmony in Roman Video Cuckold Series #9: Harmony’s First Affair

  • Beste Darstellung eines dominanten Mannes: Frank Towers in Roman Video Cuckold Series #9: Harmony’s First Affair

  • Beste Darstellung einer devoten Frau: Dita von Teese in High On Heels

  • Beste Darstellung eines devoten Mannes: Freddy Baxter in Roman Video Cuckold Series #9: Harmony’s First Affair

  • Beste Darstellung einer Trans-Person: Lola in Infernali

  • Bester Dokumentarfilm: Five Sex Rooms und eine Küche von Eva C. Heldmann

  • Bester kurzer Dokumentarfilm: A Master/Slave-Marriage von Dr. Gabriele Hoff

Folgende Filme mit relevanter Thematik wurden gezeigt:

  • Bianca Beauchamp: All Access 2: Rubberized, USA 2007, 92 Minuten, Regie: Martin Perreault

  • Bound for Pleasure, Neuseeland 2002, 75 Minuten, Regie: David Blyth

  • Hailey Makes the Boy Bride, USA 2007, 78 Minuten

  • Infernali, USA 2008, 50 Minuten, Regie: Francisco

  • L’eredità di Caino/The Heritage of Cain, Italien 2006, 75 Minuten, Regie: Luca Acito, Sebastiano Montresor

  • Tabubruch? 1, BRD 2005, 120 Minuten, Regie: Gerhard Stahl, Interviews: Axel Tüting

Siehe auch:
AIDS
BDSM
Besprechung
Darstellung
Fetisch
Film
Hepatitits
HIV
Kurzfilm
Latex
Masochismus
Rente
Sadismus
safe, sane, consensual
Safer Sex
Schauspiel
Spielfilm
Transgender
transsexuell
Transvestiten

Autoren (Anzahl der Publ.):
von Sacher-Masoch, Leopold (2)
Acito, Luca (1)
Blyth, David (1)
Francisco (1)
Montresor, Sebastiano (1)
Perreault, Martin (1)
Stahl, Gerhard (1)
Treut, Monika (1)
Tüting, Axel (1)

Weiterführende Publikationen:
Francisco 2008
Infernali

2007
Hailey Makes the Boy Bride

Martin Perreault 2007
Bianca Beauchamp: All Access 2: Rubberized

Luca Acito et al. 2006
L’eredità di Caino/The Heritage of Cain

Gerhard Stahl et al. 2005
Tabubruch? 1

David Blyth 2002
Bound for Pleasure

Monika Treut 1999
Gendernauts

Leopold von Sacher-Masoch 1870
Das Vermächtnis Kains

Leopold von Sacher-Masoch 1869
Venus im Pelz

Externer Link:
Festivalblog Fetisch Film Festival


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