Britta Madeleine Woitschig
Der Mythos von Mythos, populär und uramerikanisch
Eine bessere Welt lässt sich durchaus vorstellen, auch für Transsexuelle und Transgender. Allerdings ist es mit ziemlichen Schwierigkeiten verbunden, diese Vorstellungen in die Tat umzusetzen, und sei es nur, das eigene Umfeld ein wenig lebenswerter zu gestalten. Weil schon der Gedanke befreiend wirken kann, liegt der Griff zu fiktionalen Welten nah – zu Science Fiction und Fantasy, wobei das Medium nicht so wichtig ist wie die erzählte Geschichte: Es geht um Bewährungsproben für einen oder mehrere Helden.
Zu den Gründern der Kieler Selbsthilfegruppe (als Gast in den Räumen der HAKI e. V.) gehörte ein Fan des Universums von Gene Roddenberry, der seine damalige Wohnung zur klingonischen Botschaft deklariert hatte. Meine Nachfolgerin begeisterte sich für die Serie Stargåte; und ich engagierte an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel eine gewisse Zeit in einer akademischen Gruppe mit dem umständlichen Namen Arbeitsgemeinschaft zur Erforschung von Populärkultur am Beispiel von Star Trek. Nachvollziehbar, dass mich der Titel des vorliegenden Bandes neugierig machte.
Vielleicht hatte ich meine Erwartungen zu hoch gehängt, denn die ersten Seiten langweilten mich, zumal ich ein beharrliches Déjà-Vu-Gefühl nicht verdrängen konnte. Die Bekenntnisse der beiden Professoren David Whitt und John Perlich als Fans und Parteigänger von Joseph Campbell empfand ich als oberflächlich. Nach dem Paradigmenwechsel durch postmoderne Geisteswissenschaftler wie Michel Foucault, Jacques Derrida und Slavoj Žižek wirkt ihre subjektive Demaskierung wie eine höfliche Geste, da ihre Brisanz inzwischen verflogen ist. Natürlich können Fangirls und Fanboys wissenschaftlich arbeiten, solange sie konsistent mit validen Belegen argumentieren können, d. h. wenn sie sich im richtigen Moment von ihrer liebgewonnenen Rhetorik verabschieden können. Whitt und Perlich verpassen diesen Moment und versuchen, den 1949 erstmals erschienen Band The hero with a thousand faces im wissenschaftlichen Gestus zu reproduzieren. Ihr gescheiterter Versuch liest sich wie eine passable Hausarbeit, aber keinesfalls mehr. Zehn Seiten, zwanzig Seiten, dreißig Seiten – trotzdem änderte sich nichts an meinem Unbehagen, meine Zeit mit x-mal aufgewärmter Kost zu verbringen.
Möglicherweise handelt es sich um (m)ein Vorurteil, aber ich spürte die Abgeschiedenheit des Mittleren Westens, die Weiten der Prärie und die Selbstzufriedenheit des Bible Belt, dort, wo Amerika am amerikanischsten ist, fern sowohl von der Ostküste mit dem Blick nach Europa als auch jenseits der Pazifikküste mit dem Blick nach Asien. Ich fürchte, sogar aus dem Tex-Mex-Raum oder dem Cajun-Gebiet des ehemals französischen Louisiana und erst recht aus Kanada kämen anspruchsvollere Ansätze. Auf den Backcover fallen zwar die Namen von Harry Potter, Spider-Man und Superman, aber zwischen den Buchdeckeln finden sich ausschließlich amerikanische Produktionen aus den letzten knapp 50 Jahren – für einen Mythos, der sich bewähren soll, ein ziemlich kurzer Zeitraum. Nicht-amerikanische Werke und Produktionen werden eher nebenbei in historisierenden Skizzen abgehakt, wie z. B. Mary Shelleys Frankenstein, der auf seinen medizinischen Fall reduziert wird. (Ich glaube, dass dieses Werk bei einer solch begrenzten Sichtweise ein derartiger Erfolg geworden wäre. In meiner Interpretation verkörpert er die moderne, urbane Lebensweise aus mehreren, sich teilweise widersprechenden Identitäten, die sich aus verschiedenen Rollenansprüchen in unterschiedlichen Situationen ergeben. Als Jedermann-Charakter macht er nachfühlbar, was Rimbaud in seinem Spruch, er sei anderer, ausgedrückt und der Soziologie Georg in seiner Theorie der sozialen Kreise theoretisch formuliert hat.)
Ab dem vierten Kapitel werden die Beiträge endlich lesbar! Das fünfte Kapitel über Stargåte und das siebte Kapitel über Dark City regen zum denken an und bringen Spaß. Den Höhepunkt bildet aber der dritte Teil mit den Kapiteln acht bis zehn, bis dann die Herausgeber mit ihrem überflüssigen Epilog die hoffnungsvollen Ansätze des wissenschaftlichen Nachwuchses wieder im Keim ersticken. Stephanie Kelley-Romano und Beth E. Bonnstetter bringen nach der Durststrecke die Ansätze von Cultural Studies, Gender Studies, Erkenntnistheorie und kritischer Theorie, weshalb ich mir gewünscht hätte, diese beiden hätten den Band verantwortet. Während Whitt, Perlich und ihre meist männlichen Campbell-Jünger den vermeintlich anthropologischen Kern der Mythentheorie ihres Meisters in den Vordergrund stellen, betonen Kelley-Romano und Bonnstetter die jeweilige kulturelle, historische und soziale Differenz, was mir wesentlich schlüssiger erscheint. Die scheinbar minimalen Varianzen beim Erzählen bilden auf diese Weise die Ursache für die Wiederholung des bekannten Stoffes.
Bei so viel naiven Glauben an eine Technik, die wie im 19. Jahrhundert jedes Problem lösen soll, und an einen ungebrochenen amerikanischen Traum, wundert es nicht, dass Gender und Geschlecht vergleichsweise selten reflektiert wird. Explizit findet das lediglich in drei Beiträgen statt, von denen zwei bei unterschiedlichem Korpus zu ähnlichen Ergebnissen gelangen. Scott Simpson und Jessica Sheffield analysieren im fünften Kapiteln im Stargåte-Universum und fördern eine Verflechtung von Neokolonialismus, technologischen Glaubensströmungen (utopisch, utilitaristisch, deterministisch) und Mythen zutage. Was auf der Oberfläche als bessere Zukunft auf fernen Welten behauptet wird, entpuppt sich de facto als Kolonialismus in modernem Gewand, bei dem die Eroberer von der Erde (= USA!) die besseren Menschen sind. Vor exotischer Kulisse werden letztlich teilweise konservative und reaktionäre Klischees über fremde Religionen und Kulturen sowie über Frauen repitiert. Kelley-Romano beschäftigt sich mit der Rolle, die der schwarzen Schauspielerin Whoopi Goldberg auf deren Wunsch auf den Leib geschrieben wurde. Goldbergs Wunsch einer positiven Identifikationsfigur für ihre Community erfüllt sich nicht nur, vielmehr konterkariert Star Trek: The Next Generation die zaghaften Ansätze der Ursprungsserie in Guinans Rolle. Entweder als asexuelle Mammy, die sich für den Nachwuchs ihrer weißen Herrschaft aufopfert, oder als sexuell willige Jezebel finden sich zwei scheinbar widersprüchliche Klischees, die Guinans Marginalität betonen. Anhand von Mel Brooks’ Spaceballs zeigt Bonnstetter das Potential von Parodien, die mit einem doppelten Blick interpretiert werden. Als Abweichung von etablierten Genres und Mythen stellen sie feste Denkstrukturen infrage und öffnen sie für neue Möglichkeiten, beispielsweise wenn das Duell von Luke Skywalker und Darth Vader ad absurdum geführt wird, indem die ödipale Lesart nach Freud ins Leere läuft. In der Parodie können sich zwingende Bedeutungen aus dem Mythos in nichtige Episoden grotesker Entscheidungen verwandeln, die befreiend sein können.
Die Geschlechterkonzepte der vorgestellten Werke verbleiben in engen Mustern, weshalb Transsexualität und Transgender weder als sexuelle Identität oder Rolle noch als abstrakte für außerirdische Wesen diskutiert wird. Eine verpasste, eine verpatze Gelegenheit!